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Kau|der|welsch

Heute mal was naheliegendes. Geografisch gesehen, kommt das Kauderwelsch aus dieser Ecke. Vom Bodensee den Rhein aufwärts bis nach Chur und weiter über den bereits bei den Römern viel genutzten Septimerpass oder alternativ durch die bis etwa 1400 lebensgefährliche Via Mala über den Splügenpass und den San Bernadino nach Como, Mailand und zum Mittelmeer führen uralte Handelswege. Die alten Germanen nannten Römer die Welschen. Das Welsche war später entsprechend ein Sammelbegriff für romanische Sprachen und so taucht der Begriff nicht nur in den Begriffen Welschschweiz und Welschtirol auf, sondern auch abgewandelt in Walachei und in Wales.

Mindestens der Herr Luther bezeichnete die Räteromaner in Chur als Chauderwelsche. Tiroler nannten Chur damals Kauer. Vielleicht war es auch ein Wortspiel, denn kaudern wurde das genannt, was Händler und Hausierer zu der Zeit taten. Ihre untereinander genutzte Geheimsprache wurde von Aussenstehenden Rotwelsch genannt. Das war unverständliches Zeug für die nicht eingeweihten.

Geblieben ist der Ausdruck kauderwelsch für etwas seltsam fremd anmutendes oder ein unverständliches Gemisch aus Sprachen. Derweil wird im Churer Raum nach wie vor eine Sprache gesprochen, die für kaum mehr als 35000 Menschen vertraut ist: Rätoromanisch bzw. Bündnerromanisch. 


Bild von FelixMittermeier auf Pixabay

Mum|pitz

Butzemänner sollen zwergenartige Schreckgestalten gewesen sein. Schon lustig, was in traditionellen Kinderliedern so alles drin steckt. Kinder erschrecken, das war einmal ein probates Mittel der Erziehung. Der kleine Kerl soll mit Vorliebe nachts in Kleiderschränken und an Fenstern sein Unwesen getrieben haben. Irgendwann wurde Butzemann nett, wenn das Kind lieb war. Praktisch. 

Kann sein, dass der Name auch vom Wort verbutzen her stammt. Dann wäre es der Verhüllte. Noch heute verputzen wir gern Häuser. Aber vermutlich stammt der Name vom mittelhochdeutschen Wort bôzen. Klopfen oder poltern war damit gemeint. Butz wurde Potz wurde Pitz. Und da das Kerlchen vermummt war, wurde im 17. Jahrhundert daraus Mumpitz. Dies war dann eine Schreckgestalt für Einfältige und für die helleren Köpfe jener Zeit eine "Vogel"scheuche.

Der Begriff mäanderte weiter, es stand im Jargon der Börsianer eine Zeit lang für erschreckende Gerüchte, bis es im 19. Jahrhundert etwas bezeichnete, dass keinen Sinn ergab. Seitdem reden wir wahlweise vom Mumpitz oder Firlefanz, von Kinkerlitzchen oder Kokolores oder wir reden Larifari. 


Bild von Roger King auf Pixabay

Kul|tur|land|schafts|my|then

Die Region hinter Lustigenau ist seit langem im Wandel, der Rhein schafft emsig Material für immer mehr Bodenseeufer heran. Es entstanden vor langer Zeit kleine Seen im Hinterland, die mit der Zeit als Riede verlandeten und heute dank bäuerlichen Schaffens eine grösstenteils urbar gemachte Kulturlandschaft bilden. Kulturlandschaften sind durch Menschenhand geformte und speziell durch Bauernhand geprägte Landflächen.

Dabei gab es stets ein Ringen um die Verhältnismässigkeit von bäuerlichem Brauchtum und Naturschutz. Das Erhalten von bestehenden Ökosystemen sowie das Wiederherstellen gestörter ökologischer Zusammenhänge nennt man Naturschutz. Bauernschlau wurden im Umgang mit den sich zwangsläufig ergebenden Konflikten einige Mythen geschaffen, die fleissig gepflegt werden. Das Verwechseln von Artenvielfalt und Biodiversität mit Instagramm-Idylle, Ordnungssinn und Bio-Disneylands hat ein wenig Methode. Umweltschutz (statt Naturschutz) liebäugelt nämlich eher mit dem Schutz der menschlichen Umwelt.

Schon mal davon gehört: Achtloses Wegwerfen von McDonalds-Verpackungsmüll ist sehr böse. Denn das sieht man ja. Und wenn doch nicht, dann wird mit dicken bunten Pfeilen nachgeholfen: Hier liegt DEIN Müll. Na und? Der Vorteil ist, dass man diesen Müll sieht. Schon mal davon gehört, dass ein Bauer darauf hingewiesen wurde, dass seine Gülle nachhaltig den Ried-Boden beeinträchtigt? Dass sein Rasenmäher die Bodenbrüter verjagt? Dass mit der Gülle ab und an sogar giftige Stoffe verklappt werden? Eher nicht, oder? Sieht man ja auch nicht. Wozu also die Aufregung.

Schon mal davon gehört, dass der Bauer bald hungern muss, weil keine anständigen Preise gezahlt werden? Ja? Und dann rollt der Bauer mit seinem etwas zu gross geratenen Traktor über die kleine Parzelle. Mit viel Geschick und etwas Rangieren bekommt er das Teil dann doch gewendet. Sehr praktisch so ein grosser Traktor, da kann man viel Gülle ins Ried schaffen. Ach, es gibt keine grossen Traktoren, weil die würden viel Geld kosten? Nun, dann auf zum nächsten Faschingsumzug. Viel Spass auf dieser Traktorenleistungsschau!

Noch mehr Mythen? ...das könnte ein längerer Beitrag werden. Da gehen wir mal lieber eine Runde Müll sammeln. Das ist gut für die Umwelt. Zumindest freut es den Menschen. Den anderen Organismen ist es eher piepegal. Die haben existenziellere Sorgen.

Gül|le|ried

Gülle, auch Jauche oder Mist genannt, gehört zur bäuerlichen Landschaftspflege. Es ist ein natürlicher, nachwachsender Dünger, reich an Stickstoff, Phosphat und anderen für Mikroben leckere Nährstoffe. Es könnte ein perfekter Kreislauf sein. Wasser und Nährstoffe verbleiben auf dem Hof. Gülle bedeutete ursprünglich dann auch Lache oder Pfütze. Es handelte sich also um übersichtliche Mengen. Inzwischen fällt die Pfütze etwas grösser aus. 

Der Dreck muss weg, das wussten auch schon die alten Römer und errichteten flugs eine praktische Rutsche, über die Abfälle und Abwasser entsorgt werden konnten. Deckel auf, Dreck rein, Deckel zu. Fertig. Es ist wie beim Körperausgang vieler Lebewesen, bspw. Vögel: Über die Kloake wird entsorgt. Die Cloaca maxima der Römer war ursprünglich als Entwässerungssystem der römischen Senke gedacht. Praktisch, dachten sich die Römer. Frisches Wasser kommt in die Stadt und Abwasser spült es auch mit fort. Sehr bequem. Was den Römer entzückte, freut auch den intensiv wirtschaftenden Bauern.

Ein Ried ist eine feine Sache, alles fliesst. Gräben sammeln überschüssiges Wasser, die Gräben führen in die Kanäle und in die verlässlich Gebirgswasser führenden Fliesse und die enden - zumindest hier - im Bodensee. Der Bodensee ist eh viel zu sauber, so klagen die Fischer. Mehr Dreck braucht der Bodensee, damit die Felchen spriessen (eine regionale Fischdelikatesse). Gerne, dachte sich der Bauersmann, dann machen wir das auf die römische Art. Wir pumpen fleissig Gülle ins Ried, denn das überflüssige Abwasser wird komfortabel dorthin expediert, wo es offenbar dringend gebraucht wird.  

Nun ja, mit den Moorwiesen ist das so eine Sache. Eigentlich reicht die Stickstoffmenge, die durch Regen aus der Luft jährlich eingewaschen wird, völlig aus (landwirtschaftskammer.de). Da braucht es überhaupt keine Gülle mehr. Pflanzen werden dadurch anfälliger für Schädlinge. Kräuter magerer Wiesen verschwinden. Gute kräuterreiche Alpenmilch? Sicher nicht hier. Der Riedboden kann gar nicht so viel Phosphat und Stickstoff ausschwemmen, wie Mist herangekarrt wird. Erst recht hilft da auch kein Unterpflügen von Mist oder das direkte Abpumpen am Uferrand von Bächen. Aber das würden Bauern ja nie machen.

Ried

Als Ried bzw. Feuchtgebiet werden Zonen bezeichnet, in denen trockenes Gelände in andauernd feuchtes Gebiet übergeht. Es handelt sich um wertvolle Lebensräume. Die Schlagworte sind: Hochwasserschutz, Klimaschutz, Naturschutz. Hier zeigt Natur wahre Vielfalt, wenn sie darf. Biotope wechseln an jeder Ecke. Ein Paradies für Pflanzen und Tiere. Vögel nutzen diese Zonen leidenschaftlich gern als Rastplatz oder Winterquartier, wenn sie dürfen. Biomasse wird hier überdurchschnittlich produziert. Pflanzen, Algen und Bakterien zaubern aus anorganischen Stoffen plus Licht organisches Material, binden dabei reichlich Kohlenstoff und Wasser. Quasi nebenbei filtern diese Ökosysteme das Grundwasser. 

Flächenversiegelung reduziert Riedflächen. Interessanterweise wurden die ersten Vorarlberger Riedflächen im Zweiten Weltkrieg unter Schutz gestellt (Rheindelta). Mit der Verordnung der Landesgrünzone im Talraum des Rheintals in den 70ern wurden die Begehrlichkeiten, auch in die letzten feuchten Wiesen hinein zu siedeln, gezügelt.

Seit 1980 bringen Steuerzahler Geld dafür auf, dass Bauern auf einem Teil der landwirtschaftlichen Flächen gnädig gegenüber der Natur sind. Leider ist die Karte der Schutzgebiete ein ziemliches Patchwork und so schmiegen sich intensiv bewirtschaftete Flurstreifen und Schutzzonen eng aneinander. Statistisch gesehen ist alles bestens, praktisch eher nicht. Ein Blick auf die Schutzflächen-Karte vom Rheintal zeigt auf einem Blick, wo das Problem ist: Nur pinke und dunkelgrün/-blaue Flächen sind halbwegs sicher vor übermässiger bäuerlicher Landschaftspflege (vorarlberg.at/atlas).

Ja|pan|knö|te|rich

Wir müssen über invasive Arten reden. Es gibt Pflanzen, die gehören nicht hierher. Mopsfidel breiten sie sich aus. Geräuschlos, wie Pflanzen nun einmal sind, erobern sie scheinbar mühelos neue Räume. Im Lustigenauer Gülleried haust so ein Kraut. Immerhin recht dekorativ umgarnt ein Japanischer Staudenknöterich einen jener Strommasten, über den überflüssige Stromkapazitäten des Atom- oder Kohlestroms vom Norden her in die Berge gelangen, damit dort dank Wasserkraft sowas wie Ökostrom entsteht, der bei Bedarf abgerufen werden kann.

Dem Knöterich gefällt die Parzelle. Rund um den Masten sind die Bedingungen optimal. Geschützt vor bäuerliche Kulturpflege entfaltet sich die Pflanze in Breite und Höhe. Konkurrenzlos ist sie aufgrund der Schnellwüchsigkeit und der ausgeprägten Wurzelstöcke. Zaghafte Versuche, das invasive Kraut mit den Sense zu dezimieren, steckt diese Pflanze locker weg. Unter der Erde wurzelt sie zudem bis zu 2 m tief.

Täglich 20 cm wächst sie nach. Das ist einsame Spitze, da können andere Pflanzen nicht annähernd mithalten. Trotzdem geht der Knöterich auf Nummer sicher und breitet sein Blättermeer derart über dem Boden aus, dass darunter - mangels Licht - kein Gras mehr wächst. Das fördert dann die Erosion des Bodens. Ohne die Erde festhaltenden Gräser wird die Bodendecke bei starkem Regen fortgespült.

Ursprünglich holte man den Knöterich als Viehfutterpflanze, auch Imker freuten sich über die frühherbstliche Bienenweide. Aber die Vielfalt der Pflanzenarten leidet erheblich überall dort, wo der Knöterich auftaucht. Monatliches Mähen würde helfen, ihn langsam in die Knie zu zwingen. Allerdings mangelt es in der freien Wildbahn an Rasenfetischisten und robusten Rasenmähern. 

Zudem nisten ab und an auch Vögel in dem Dickicht. Und, eigentlich enthält der Knöterich Wirkstoffe, die es als Heilpflanze einstufen. Man könnte Tee daraus machen. Die Pflanze selbst nutzt diese Stoffe zur Pilzabwehr, so wie der Wein das auch tut. Es wird gemutmasst, dass dieser Wirkstoff - Resveratrol genannt - das Leben verlängert und Krebs wegzaubert. Aber nachgewiesen ist das noch lange nicht. Und solange kann das Kräuterlein unbekümmert expandieren.

 

Zei|ger|pflan|ze

Hellsehen ist leichter als angenommen. Erfahrungen helfen. Morgens geht die Sonne auf. Sieh an. Tatsächlich. Wer hätte das gedacht! Hellsehen für Fortgeschrittene gelingt, wenn sich Erfahrungen mit Wissen über Gewohnheiten paart und wahre Meisterschaft entwickeln diejenigen, welche Muster erkennen können.

Bei Hochleistungs-Prognosen setzen wir inzwischen auf Künstliche Intelligenz. Selbstlernende Maschinen können wahre Meisterschaft in Mustererkennung und Interpretation entwickeln. Was wie Science Fiction klingt, ist längst oft bereits Realität. Selbst Ärzte holen sich inzwischen die zweite Meinung von der Rechenmaschine. Recht bald wird es umgekehrt sein.

Wer herausfinden möchte, wie sich Hellsehen anfühlt, kann vielleicht mit sogenannten Zeigerpflanzen starten. Es gibt Pflanzen, die sind echte Gewohnheitstiere. Viele dieser Pflanzen sind völlig intolerant gegenüber Veränderungen in ihrem Umfeld. Sie sind dann irgendwann weg. Und andere freuen sich, den Platz einnehmen zu können. 

Oh, eine Brennnessel. Stickstoff im Überfluss, sicher auch viel Humus und Wasser. Denn anders mag es diese Mimose nicht. Hahnenfuss, Vogelmiere, Holunder oder Löwenzahn sind mit von der Partie. Sauerampfer? Mag es sauer, eh klar. Aber auch Blaubeere oder Kamille mögen es. Level 2 des Hellsehens erfordert dann schon den Überblick über Pflanzengesellschaften, auf Fettwiesen bilden sich eben andere Pflanzen-WGs als auf Magerwiesen.

Gurus ziehen kurzerhand die Pflanze mit der Wurzel aus dem Boden und lesen nach einem kurzen Blick die Sünden bäuerlicher Kulturpflege dort ab. Mikroben und Pflanzen können nicht ohne einander und seshalb zeigen Wurzeln an, wie es um den Boden bestellt ist. Werden zudem bestimmte Pflanzen von Jahr zu Jahr häufiger, dann lassen sich daraus auch Schlüsse ziehen. Verschilfung von Wiesen ist bspw. selten ein gutes Zeichen. Hahnenfuss und Kreuzkraut arrangieren sich ebenfalls gut mit den wurzelzersetzenden Mikroben überdüngter, verdichteter Böden, sie wirken sogar antibiotisch.

Ver|schilf|ung

Schlechte Nachrichten für Menschen mit einfachen Weltbildern: Egal, was Du machst, es hat stets Nebenwirkungen. Du willst Artenvielfalt und Du bekommst Verschilfung. Auf Deiner tollen Ökowiese spriessen plötzlich überall die Halme des Schilfs. Dieses Süssgras ist nicht süss, aber unglaublich vital.

Mit den ca. 20 m langen Ausläufern verbreitet es sich überall dort, wo eine ehemals feuchte Wiese sich selbst überlassen wird. Na dann, freut sich der Bauersmann, dann lasst uns mal fleissig mähen. Doch so einfach ist es nicht. Moorwiesen sind wie Schwämme, sie saugen geduldig über lange Zeit all den Mist auf, der auf Wiesen gekippt wird. Aber irgendwann kippen Gewässer wie auch Böden um.

Ständig neue Nährstoffe, speziell ein zu hoher Phosphoranteil, überlasten Gewässer und Böden. Boden pflegenden Bakterien werden durch andere verdrängt. Die neuen Bakterien setzen giftige Stoffe frei. Nicht jede Pflanze kann sich dem wiedersetzen. Schilf widersteht dem gut. Und wenn dann noch am Grundwasserspiegel herumexperimentiert wird, dann kann auch die robusteste Pflanze irgendwann nicht mehr. Die Wiese beginnt zu verschilfen. 

Mähen der Wiese im Frühjahr und/oder Juli und/oder September verlangsamt die Verschilfung. In Summe ändert es leider auch wenig. Allerdings gibt es Pflanzen wie etwa Orchideen, die das Kurzfressen der Wiese benötigen. Früher besorgten das leichtgewichtige Wild- oder Haustiere, deren Hufe nicht alles plattmachten. Und, sobald Licht an den Boden gelangte, entfalteten sich die schönen Blühpflanzen und zogen sich gestärkt mit dem erneuten Überwuchern durch Gräser wieder zurück. 

Jetzt haben wir übergewichtige Rinder. Und jede Menge Schilf. Immerhin filtert das "lästige" Schilf die überflüssigen Nährstoffe aus dem Wasser. Aber, verflixt noch mal, das Schilf muss weg. Wo sind die Patentrezepte? Wir können zum Mond fliegen, aber die Wiese nebenan fügt sich uns nicht. Irgendwo gibts doch sicher Mietschafe.


Maehversuche_Verschilfung.pdf | Dokument

biotopinventar/Lustenau.pdf | Dokument

 

Vi|ta|li|tät

Wir sind jetzt agil. Nachdem uns die wachsende Alltags-Komplexität nach und nach unsere schönen alten Management-Traditionen zerstört, brauchen wir neue Formen der Zusammenarbeit. Sowas wie Symbiose von IT-Versteher und Zahlenmensch wäre toll. Mimikry beherrschen wir ja seit der Schulzeit. Heute schon wen oder was nachgeahmt?

Nein? Dann bist Du ein komischer Vogel. Egal. Hauptsache lebensfähig, fit wie ein Turnschuh sozusagen. Andernfalls wärst Du aussen vor. Und das wäre blöd, denn es ist übliche Weg, sich mit seiner Umwelt zu arrangieren. Also, mach mit. Das schont Deine persönlichen Ressourcen, es ermöglicht Dir, vielfältig bzw. flexibel zu agieren und es erhöht Deine Funktionsfähigkeit.

Man könnte auch sagen, das macht Dich vital. Vitalität ist gut. Der Biologe nutzt dieses Wort, während der aufgeschlossene Ökonom von Agilität redet. Jener Homo Oeconomicus würde vermutlich die Fähigkeit, unter den vorgefundenen Umweltbedingungen zu gedeihen und zu überleben, anders umschreiben. Er würde - nachlesbar im Wikipedia - irgendwas von Management einer Organisation, flexibel und darüber hinaus proaktiv, antizipativ und initiativ zu agieren, um notwendige Veränderungen einzuführen, brabbeln.

Wie auch immer, der Punkt ist, dass sich die Umwelt aller Organismen ständig verändert, derzeit sogar rasant. Menschliche Kulturlandschaften und sein Sinn für Ordnung prägen inzwischen den letzten Winkel bewohnbarer Nischen. Vitalität ist zu einem sehr wichtigen Auswahlmerkmal geworden. Nicht jeder Organismus kann bei dem Wettlauf mithalten, speziell dann nicht, wenn er die Rolle des vermeintlich schnellen Hasen in einem fabelhaften Spiel hat. Überlegen winkt der listige Geselle am Feldrain, während Meister Lampe zwischen den ihm zugewiesenen Parzellen hin und her wetzt.


Bild von ErikaWittlieb auf Pixabay

Bio|top

Einen Ort voller Leben nannten die alten Griechen einen Lebensgeraum von Viren, Bakterien, Pilzen, Pflanzen und Tieren. Sie bilden dort eine WG, eine Lebensgemeinschaft, die jene alten Griechen dann gemeinsames Leben - Biozönose - nannten.

Und, seitdem wir modernen, aufgeklärten Menschen alles in Fliessbandarbeit-gerechte Systeme einsortieren, sprechen wir vom Ökosystem - dem Haus, in dem alles miteinander verbunden ist - wenn Lebensraum und Lebensgemeinschaft gemeint sind.

Leider haben wir vergessen, was es bedeutet, wenn in einem Refugium alles miteinander verzahnt ist. Wir meinen: Ein System ist etwas, das kann man gestalten, ein wenig Kybernetik hier, ein wenig Esoterik da und los gehts. Zuerst beuten wir Biotope aus, dann entfernen wir sie und - als Krönung - schaffen wir künstliche Oasen und erteilen den Organismen den Marschbefehl hinein in die neue Parzelle.

Schlau, wie wir Menschen nun einmal sind, sortieren wir, was wir als zusammengehörig ansehen und stapeln es, wie wir es im Themenpark von Lego gelernt haben. Da freut sich der, die neue menschliche Zuwendung geniessende Eisvogel, und der wieder einmal knapp der Gülle und dem Rasenmäher entkommene Wiesenbrüter wundert sich.

Selbst Schuld. Die Grenzen zwischen Ökowiese und bäuerlichem Kulturland folgen leider den menschlichen Massstäben. Genauso wie unsere Annahmen, welche Organismen sich überhaupt riechen können, ganz zu schweigen davon, welche Bedürfnisse jene eventuell haben. So viel Zuwendung für ein System ist unüblich. Da hilft den evolutionsverliebten Kreaturen nur die rasche Mutation. Anpassungsdruck wird eben gerne durchgereicht, das ist die neue Vitalität.

He|cke

Was hat der Nachbar da schon wieder ausgeheckt. Schön, eine ziemlich giftige kleinasiatische Kirschlorbeerhecke, sehr praktisch: Faconschnitt-tolerant und quasi Insekten-frei. Vogelfrei sowieso - ach nein, das war ja was anderes. Vogel-frei ist solch eine Lorbeerkirschhecke.

Da kann eigentlich nicht einmal die Thujenhecke gegen anstinken. Denn in der nistet wenigstens noch die ein oder andere Amsel, bevor sie von einem gelangweilten Stubentiger vernascht wird.

Genauso wenig wie der Kirschlorbeer ein Lorbeer ist, verdienen Thujen und Lorbeerkirsche das Prädikat wertvoll. Aber richtige Hecken haben auch schon den Julius Caesar geärgert. Denn die stacheln und haben breit ausladende Äste, die keinen durchlassen.

Praktisch, dachten sich die Gallier und umzäunten damit ihre Felder und Gehöfte. Praktisch, dachten sich auch die Piepmätze und allerlei anderes Getier, die sich flugs dort ihre eigenen kleinen Biotope schafften. Praktisch, dachte der Bauer, dessen fruchtbarer Boden nicht mehr vom Winde verweht wurde. Praktisch dachte sich auch der Schnapsbrenner, der fleissig die Beeren einsammelte, die ihm die Vögel übrig liessen. Praktisch, dachte sich ...

Unpraktisch, dachte sich der maschinell hochgerüstete Agraringenieur und beseitigte das garstige Gestrüpp, welches seinem Traktor im Weg stand. Unpraktisch, dachten sich um Effizienz bemühte gärtelnde Laubenpieper und Grundstücksbewirtschafter, die bereits in der Schule lernten, wie wichtig Ordnung ist. Klare Kante!


Bild von Erich Westendarp auf Pixabay

Glücks|pilz

Mit dem Glück ist das so eine Sache, des Glück ist a Vogerl. Eben so ein Hormonding. Ein Mangel an Unzufriedenheit gepaart mit übererfüllten Erwartungen macht glücklich, sagt die industrielle Glücksforschung. Die will es genau wissen. Glückliche Kunden braucht das Land.

Aber was hat das mit glücklichen Pilzen zu tun. Viel. Die Pilze schiessen unter bestimmten Bedingungen aus dem Boden, zumindest im Volksglauben. Eigentlich sind es nur die Fruchtkörper der vermutlich grössten Lebewesen der Welt. Nahezu unsichtbar besiedelt das Mycel raumgreifend den intakten Wald- oder Wiesenboden wie auch die unwirtlichsten Orte mit organischem Material. 

Der Glückspilz war im 18. Jahrhundert ein Emporkömmling. Engländer nannten Aufsteiger "mushrooms", also Pilze. Erst später wandelte sich die Bedeutung des Wortes ins Positive. Glückspilz ist, wem unerwartet oder häufig Gutes widerfährt. Eine Prise Missgunst schwingt da noch mit. Aber wer kein Glückspilz ist, kann ja noch glücklicher Kunde werden.

Win|ke|on|kel

Mein Meister des Posens wird auch Bürgermeister genannt. Poseure, speziell vor und hinter der Kamera allzeit bereite, sendebewusste Medienschaffende haben einen Fulltime-Job. Das ist nicht so wie "knipsen"... "cheeeeese" und fertig?

Nein. So einfach ist das nicht, ständig hochmotiviert in die Linse zu grinsen oder dem Objekt seiner Vorzeige-Begierde hinterher zu jagen. Den einen Augenblick abzupassen, das ist harte Arbeit. Da muss jedes Detail stimmen. Echte Handwerkskunst eben. Da wächst man zum Meister oder man bleibt possierlich (neudeutsch: nice).

Ob mein Meister weiss, dass er da in etwas hineinwachsen sollte? Vielleicht hat er zu wenig Zeit. Und - neben all dem Aufwand für die Präsenz - Lobbyarbeit ist schliesslich auch harte Arbeit, beinahe schon eine Kunstform, wenn es denn nicht immer so diskret zugehen müsste. Da ist die tägliche Dosis Öffentlichkeit quasi das Ausgleichsprogramm.

Früher war das praktischer eingefädelt. Wenn ein magister civium gerade arg mit seiner Kungelrunde verbandelt war, dann sprang eben der nächste ein. Es gab mehr als einen Bürgermeister. Erst mit der Bürokratie wurde die Meisterschaft zur Verwaltung optimiert. Und so mutierte der wesentliche Job eines modernen Bürgermeisters zum: Winkeonkel. Huhu!


Bild von yang li auf Pixabay 

Pa|ra|dies|vo|gel

Es begann auf den Molukken, also irgendwo auf den indonesisichen Inseln. Die ersten Europäer, die für den Gewürzhandel dort hin segelten, bekamen - von den Einheimischen Göttervogel genannte - getrocknete Vogelbälge. Ohne Füsse, ohne Flügel, aber exotisch anzusehen, benannten holländische Seefahrer diese "avis paradieseus".

Allerdings bekam wohl bis ins 18. Jahrhundert in Europa niemand ein lebendes Exemplar von diesen Paradiesvögeln zu sehen und so wurden sie mystisch verklärt. Sehr früh schon wurden die Bälge als Luftgeister (Sylphen) populär und fanden den Weg in barocke Emblembücher als Symbol von Leichtigkeit, Gottnähe und Weltferne. Lange Zeit blieb die Fabel von dem ätherischen Göttervogel erhalten, der nie die Erde berührt.

Carl von Linné hatte - angeblich als Schnapsidee in einer durchzechten Nacht geboren - sich vorgenommen, allen Pflanzen und Tieren der Welt einen lateinischen Namen zu verpassen. Das hat er sehr konsequent gemacht. 1760 dokumentierte er dann auch die erste Paradiesvogelart anhand der von den Reisen mitgebrachten Vogelbälgern. Erst viele Jahrzehnte später wurden lebende Exemplare nach Europa verschifft.


Bild von Adith01 auf Pixabay

https://de.wikipedia.org/wiki/Paradiesv%C3%B6gel

Tau|ge|nichts

Du Tunichtgut. Du bist eine Last. Mach Dich doch mal nützlich. Du Hallodri, Nichtsnutz, Haderlump, Taugenichts...für was bist Du gut? Es gab einmal in der Antike eine Gutheit.

Gemeint war die Tauglichkeit. Warst Du der Taugenichts, dann ging es um die Frage, zu was Du taugst, für was Du brauchbar bist? Schon immer stellte sich diese Frage, wenn der Nachwuchs nicht in die ihr oder ihm vorgedachte Bahn einschwenken wollte. 

„Tougen“, noch ursprünglicher im 11. Jahrhundert „tühtic“, nannte man denjenigen, der zu etwas zu gebrauchen war. Es bildeten sich zwei Wörter heraus: Taugen und tüchtig. Bereits die alten Germanen sprachen von „dugunþi-“, den hochwertigen Eigenschaften eines Menschen. Mittelhochdeutsch dann tugent genannt, hat sich auch dieses Wort bis heute gehalten.

Einer der berühmtesten Taugenichtse war der dicke Lüderjahn. So nannte man im Volk schon zu Lebzeiten den Regenten von Preussen, Friedrich Wilhelm II, der - auch durch ungeschicktes Regieren - nie die Grösse seines Vorgängers, Friedrich des Grossen, erreichte.


Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay 

Gän|se|füss|chen

99-66? 66-99? Kommt darauf an: Der typografisch versierte Brite präferiert die 66-99. Deutsche finden 99-66 gut, allerdings erst, seitdem computerbasiertes Schreiben unser Schrifttum dominiert. Das »signum citationis« war vom Barock bis in die 1970er eine Spitzklammer, liebevoll auch das Hasenöhrchen genannt.

Und im 19. Jahrhundert kam Jean Paul. Mit spitzer Zunge prägte er Begriffe wie Angsthase, Schmutzfink und Weltschmerz und dann lässterte er wortgewaltig über die Gelehrten, die sich in Zitaten aalten, statt eigene Gedanken zu Papier zu bringen.

Und so wurden aus den Hasenöhrchen die Gänsefüsschen, wahrscheinlich, weil die Spitzklammer ein wenig wie der Abdruck von Gänsefüssen im Sand wirkte. Aus Spitzklammern wurden Kommas. Ein typografisch korrektes Zitat startet mit der 99, dem doppelten Hochkomma, und endet mit dem umgedrehten doppelten Komma, der 66. Briten machen es umgekehrt. Franzosen sind einfach bei den Spitzklammern geblieben. Hauptsache Gänsefüsschen.

 

 

Bla|me|ga|me

Er hat es wieder getan. Wie wir seit Pawlow und seinen Hunde-Versuchen wissen, lassen sich Lebewesen konditionieren. Hey Kaiser, Ischgl! ...Blame Game bellt es prompt zurück. 

Multilinguale Globetrotter nicken wissend: Ja, es ist empörend:  "Eine Situation, in der Menschen versuchen, sich gegenseitig für etwas Schlimmes verantwortlich zu machen, das passiert ist" (dictionary.cambridge.org).

Natürlich könnte der wortgewandte Oberindianer auch einfach "Schwarzer Peter" rufen. Aber das klingt dann doch ein wenig grotesk. Trifft es aber ganz gut. Den Schwarzen Peter muss man wieder loswerden, das weiss jedes Kind.

Was nicht jeder weiss, der Schwarze Peter ist aus der Suche nach dem Geldgeber für die nächste Runde beim Trinkgelage heraus entstanden. Man spielte solange, bis der Verlierer feststand. Das wiederum erinnert irgendwie wieder an die feuchtfröhlichen Gelage in ... Ischgl. Blame Game!


Bildquelle Wikipedia: Direcoes_anatomicas.svg: RhcastilhosClochette.png: Vincent Danet, derivative work: MagentaGreen - Diese Datei wurde von diesen Werken abgeleitet: Direcoes anatomicas.svgClochette.png: , CC BY-SA 3.0, Link 

 



Mas|ken|fol|klo|re

Gerade erst in Ländern mit ausgeprägter Fürsorge staatlicherseits en vogue geworden, darf das frisch geschaffene Symbol der neuen Reinheit bereits wieder in die Mottenkiste. Bleiben werden die Legenden, was der Fetzen Stoff so alles bewirken könnte.

Vermissen wird es wohl keiner. Das Ding war vor allem lästig und führte uns allen vor, wie geduldig wir auch die verquerste Idee akzeptieren. Die Welt stand Kopf und weil Hände waschen und Abstand halten dem Menschen daheim aus Sicht der Strategen der Volksfürsorge nicht ausreichend Angst einflössten, verordneten sie einprägsame Symbolik.

Verhüllte Gesichter, so fanden es schon die Volkskundler unter den Zeitgenossen heraus, machen Angst. Deshalb gibt es Vermummungsverbote. Wer weiss, ob nicht eine freche verhüllte Göre mir gerade die Zunge rausstreckt. Also weg damit. Aktuell ist Angst ein Partner in der Fürsorge. Also her mit dem Vermummungsgebot!

Die volkstümlichen Überlieferungen, welche Wunder das wirkt, lieferten dann ja auch brav Politik und aufgeklärte Mitbürger. Vielen Dank dafür noch einmal an euch eifrige Missionare! Leider ist sich die Wissenschaft immer noch nicht einig, was genau diese Maskenfolklore bewirken könnte. Aber das ist eh wurscht.

 

Mul|ti|kul|ti

Menschen, die sich mit Multikulti schwertun, bereichern nichtsdestotrotz gern diese Welt auf genau jene Weise. Wenn bspw. ein Politiker in seine Sakkotasche greift, kann es sein, dass er flugs eine Handvoll "Bienenweide"-Blümchenzauber hervorkramt und geschwindt auf einem Stück urbanen Ödlands verbreitet. 

Wenige Wochen später aalt er sich dann in seiner fotogenen Blühpatenschaft. Wer es nicht glaubt, kann sich gerne - die martialischen Wortungetüme wie "Blühoffensive" (quasi Krieg der Kräuter) oder "Bienenoffensive" (quasi Krieg der Bienen) googelnd - fortbilden. Politiker reden bereits von Natur-Vielfalt-Strategien, wenn sie Strassenränder mit einem Multikulti-Samenmix von Pflanzen, die sich in natürlichen Biotopen nicht freiwillig in die Quere kommen würden, bewerfen.

Dabei ist oftmals wenige Meter weiter gut zu beobachten, was passiert, wenn ein natürliches Biotop ausnahmsweise mal nicht mit Gülle und Rasenmäher malträtiert wird. Es erblüht. Einfach so und ohne Multikulti-Blühfolklore. Und ohne, dass nektartrunkene Hummelchen nach dem Labsal im Blütenmeer am Strassenrand vom nächstbesten SUV plattgemacht werden.

 

In|qui|si|ti|on

Nun sag es schon! Ich frage Dich noch einmal: Möchtest Du bei Deiner Ansicht bleiben. Du weisst, was der allgemeine Stand der Erkenntnis ist. Warum willst Du anders sein? Sei vernünftig!

Die Inquisition hat einen gewissen Ruf, seitdem im Mittelalter strebsame Glaubenskrieger emsig im Namen der Wahrheit wüteten. Abweichler mussten bekennen und erkennen, selbst unliebsame Nachbarn konnte man sich so eloquent vom Hals schaffen. 

Der aufgeklärte Mensch heute würde so etwas nie machen. Wobei, ich glaube, dass auch mein Nachbar sich komisch verhält. An den Medien-Pranger mit ihm. Wir sind die unabhängigen Medien. Wir können Dich - im Namen der Wahrheit - vorführen.


Wie moderne Inquisition gelingen kann, zeigt anschaulich die Fragetechnik in folgendem Beitrag der Zeit: 
https://www.zeit.de/2020/23/klaus-pueschel-coronavirus-angst-infektionsschutz-rechtsmedizin/komplettansicht | 20200527_Zeit.pdf

Bild: Bild von Andreas Lischka auf Pixabay

 

 

A wie in Pro|pa|gan|da|ap|pa|rat

Was ist eigentlich ein "A"? Das A war schon immer gern vorn, im Phönizischen wie bei dessen Vorläufer namens pronto-semitisches Alphabet, bei Griechen, Etruskern, Römern und in allen aus dem Lateinischen hervorgegangenen Alphabeten.

Jedes Kleinkind beherrscht das A als ursprünglichsten Laut. Bis auf wenige Ausnahmen steht das A für edles und wertvolles. Von Alpha-Tier bis AAA signalisiert es erstklassiges. Nur Engländer des Mittelalters nutzten das A zur Markierung von Ehebrechern.

Bereits im alten Ägypten - etwa 1800 vor Christus - findet sich das A, damals noch als Piktogramm eines Ochsenkopfs. Damit es rasch auf Papyrus oder Keramik gebannt werden konnte, wurde es vereinfacht: Mit drei Strichen lässt sich ein A auftragen. Damals noch mit "Knacklaut" vor dem A gesprochen, wurde der Buchstabe >>'Aleph ("Ochs") genannt.

Vielleicht steht das A vorn, weil der Stier den "Erfindern" heilig war? Man weiss es nicht. Die Griechen als antike Meister des Kopierens übernahmen das Zeichen aus dem Phönizischen, gaben ihm aber den uns heute vertrauten A-Laut und verdrängten den mit dem Buchstaben verbundenen Ochsen.

Der Buchstabe wurde zudem beliebig gedreht, bis er über die Etrusker zu den Latinern kam und dort auf die uns heute vertrauten Füsse gestellt wurde. Aus Alpha wurde A, erst im Mittelalter brachten die Normannen noch einmal alles durcheinander. Seitdem können Engländer kein A mehr wie ein A sprechen, sondern nutzen die altfranzösische Aussprache.

Findigen Mönchen verdanken wir dann noch die Kleinschreibung des "a" mit dem Bauch nach links. Es liess sich so mit dem Federkiel schneller notieren. Mit dem Buchdruck wurde diese Schreibweise schleichend standardisiert, während die Aussprache mit der Zeit vielfältiger wurde. Und so finden sich auf Tastaturen viele A-Varianten, u.a. eine Variante mit dem Doppelpunkt oben, wobei der doppelte Punkt ursprünglich ein kleines "e" war.


aus Hugo Kastner "Das Alphabet", marixwissen 2018 

 

Gas|sen|jar|gon

Na, da hab ick wohl wieda mal ja jarnüscht jeschnallt, wa. Da quassle ick mir den Mund fusslich und Dir is dit schnuppe. Ick soll lieba mal jenau hinkieken? Da stiefeln wa durch de janze Botanik und ick checks nich?

Na, nu mach mal halblang. Wat'n? Schöne Schuhe? Auwacke, dit is n Ding! Mein lieba Herr Jesangsverein. Wat istn dit? Det is ja nen Hamma. Hab ick ja janich jesehn. Wat für ne Schnalle! Ick lach mir’n Ast. Ick könnt ma beöl’n! Dit is dufte.

Dit is Dir schnurz piep ejal? Eyh, mach ma keene Fisimatenten hier! Ick schmoll nich. Alta Schwede. Allet paletti! Allet chic. Meine Fresse, echt knorke, totchic, wenn de west, wat ick meine. Jehn wa lieba schwofen. Morjen muss ick wieda rabottan, weste.


https://www.spreetaufe.de/berlinerisch-berliner-jargon/ 

https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Dialekt

In|no|va|ti|on

Etwas neues, das Nutzen stiftet. Das brauchen wir: Innovation! Es sollte eine geplante und kontrollierte Veränderung sein.

So so. Da lacht er, der Edison: Er kenne jetzt 1000 Wege, wie man keine Glühbirne baut, hat er angeblich gesagt. Da war er wohl zu wenig innovativ. Nein? Über tausend Patente? Ok. 

Was? "Genie ist ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration"?

Wie? "Erfahrung nennt man die Summe aller unserer Irrtümer."?

Und, eine Erfindung ist noch keine Innovation? Ich habe fertig. Die Erneuerung muss warten. Neues, das nützlich ist ... immer diese Betriebswirtschaftler. 


Bild von Free-Photos auf Pixabay

 

 

kre|den|zen

Ach, hätten wir doch einen Vorkoster. Dann könnten wir euch was kredenzen.

Noch im 14. Jhd wurde fleissig kredenzt. Herrscher waren so beliebt, dass sie lieber jede Speise und jedes Getränk von dem Vorsteher der Hofhaltung, also dem Vorgesetzten, probieren liessen.

Überlebte dieser die Probe, dann konnte der geliebte Herrscher daran glauben (lateinisch: credere), dass dieses Mahl und seine Dienerschaft ihm gewogen und somit bekömmlich waren. Es wurde ihm kredenzt.

Es war also angerichtet. Einwandfrei. Erst später änderte sich der Wortsinn hin zum Anbieten oder Reichen von Speisen bzw. Getränken. Geblieben ist die Anrichte.


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kre|a|tiv

Langweilig! Bespasst mich. Jetzt! Schöpft aus dem Vollen. Lasst eure Phantasie spielen. Wie jetzt? Keine Ahnung? Ihr seid auch so einfallslos. Keinen Plan? So geht das nicht. Wo ist die origenelle Idee, die wir klauen können. Ich will auch mal geistreich, genial sein.

Bitte? Wir spielen jetzt? Nö, so was mache ich nicht. Ich bin schon zu alt. Wir brauchen eine Anleitung, wie wir etwas neues erschaffen. Was, nützlich soll es auch noch sein. Geht's noch? Perspektiven wechseln. Ha, na klar. Am Ende kreieren wir dann auch noch verwegene Ideen.

Und überhaupt, 'kreieren'... das klingt so was von 15. Jhd. So so: Etwas erwählen oder ernennen. So soll es sein. Man kredenze mir etwas Neues, was nützlich istAch nein, das war ja wieder was anderes. Ich geb auf. Heute mache ich Dienst nach Vorschrift.


Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay

Viel|falt

Vielfalt statt Einfalt. Ja, fein, tolle Parole. Worum geht's? Gar mannigfaltig nutzen wir das Wort Vielfalt und meinen damit, dass Sachen oder Personen sehr verschieden sein können. Das Wort Vielfalt signalisiert, dass dies von Vorteil sei.

Und so kommen auch die Erklärungen der Vielfalt vielgestaltig daher. Mehr oder weniger erkennbare Unterschiede im betrachteten Raum sorgen für Robustheit gegenüber Einflüssen sowie eine komfortable Anzahl an Wahl- und Handlungsmöglichkeiten.

Das klingt gut. Es sorgt vor allem auch für Freiheiten und Chancen. Reduziert es aber nicht auch Sicherheiten? Nein, aber Bequemlichkeit und die Macht einzelner dürften dadurch beschränkt werden.

Vitalität in Form von Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie Solidarität stärken die Sicherheit. Das funktioniert auf der von Gülle und Rasenmäher verschonten Blumenwiese genauso gut wie in an Neuem forschenden Teams. Es funktioniert in guten und speziell auch in schlechten Zeiten.


Zeichnung von Haderer aus: Stern 41/2001, S.17

 

Rhe|sus|af|fe

2020 ist kein gutes Jahr für Labortiere. Während wir noch überlegen, auf welche Weise wir die Würde des Menschen am besten schützen, wurde Geld für die Entwicklung von Medikamenten eingesammelt. Pandemie ist eine schlechte Nachricht für Labortiere.

Vermutlich steht kein Tier so sehr für Experimente zum Wohle des Menschen wie der den Hindus heilige Rhesusaffe. Der Makake spielte in der Medizingeschichte eine wichtige Rolle: den "Rhesusfaktor" fand man 1940 zuerst in seinem Blut. 

Es brauchte pflegeleichte Labortiere, man entschied sich für den Rhesusaffen. Der liess sich Ende der 50er Jahre auch ins All schiessen. Seit der Zeit wurden Hunderttausende wilde Affen "exportiert". Viele überlebten bereits den Transport nicht. 1978 stoppte Indien die Ausfuhr vollständig.

2018 machten Mäuse bspw. 80% der ca. 2 Millionen Versuchstiere in Deutschland aus. Darüber hinaus wurden europaweit allein 2017 rund 12.6 Millionen Versuchstiere getötet, ohne dass sie überhaupt in der Forschung zum Einsatz kamen (Deutschland 2017: 3,9 Mio).

Jetzt werden auch Studien an anderen Tierarten wie zum Beispiel Affen wieder unumgänglich. Versuche mit Makaken wie Rhesusaffen sind aus Sicht der Forscher sinnvoll, weil das Immunsystem der Affen dem des Menschen ähnlicher sei. 


https://www.zeit.de/wissen/2020-04/tierversuche-zuechtung-toetung-forschung-labormaeuse

Foto Wikipedia, Mieciu K2 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Im Drei|eck sprin|gen

Unverhofft kommt oft. Handelt es sich um ein Prachexemplar des erweiterten Reiz-Reaktions-Schemas, dann folgt auf den Reiz eine Beobachtung oder Erinnerung, eine (vielfach zu hohe) Erwartung bildet sich, gefolgt von Enttäuschung, welche sich in Empörung entläd.

Perfekte Grundlage für das Springen im Dreieck. Der vierte Wilhelm von Preussen, kam im 19. Jhd. kurz nach seiner Krönung auf eine verschrobene Idee. Er liess ein ganz besonderes Gefängnis bauen. Einen Knast, der den Gefangenen eine der letzten Freiheiten nehmen sollte: Die Begegnung mit ihresgleichen.

Dazu liess er den runden Innenhof des Zellengefängnisses Moabit wie einen Kuchen mit hohen Mauern in viele kleine Dreiecke stückeln. 10m² pro Häftling. Dieser Service erregte so manchen Insassen. Die Wut enlud sich, so die Legende, durch unkontrolliertes Springen im Dreieck. 


Bild Google Maps und Wikiwand

https://www.geo.de/geolino/redewendungen

https://www.wikiwand.com

In die Bre|sch sprin|gen

In schwierigen Situationen muss man zusammenhalten, da muss man gelegentlich über seinen Schatten springen, um für etwas oder jemanden in die Bresche zu springen. 

Ist man dabei zu kurz gesprungen, dann ... ja, dann hat man halt mal wieder den Mund zu voll genommen und wird zum Depp seiner eigenen Inszenierung. Man kann in dem Fall zur Entspannung ein wenig im Dreieck springen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zur Bresche! Der Franke nickt, es geht ums Brechen. Eine Lücke in eine Mauer zu brechen, das gehörte zur mittelalterlichen Kriegskunst. 

Dazu buddelten die Angreifer eifrig ein Loch unter die Mauer, so dass diese an der Stelle kollabierte. Heldenhafte Verteidiger sprangen todesmutig in die entstandene Bresche.


Bild von Marisa04 auf Pixabay

https://www.geo.de/geolino/redewendungen

 

 

Wür|de

Wer sich in letzter Zeit indigniert fühlte, war offenbar peinlich berührt. Vielleicht weil etwas seine Normen oder Würde verletzte? Hey, alter Römer! Komm, sag: war es angemessen bzw. verdient (dignus)? Dignum est! Passt schon! Es gibt keinen Grund, empört zu sein. Ob Du etwas als entwürdigend empfindest, also etwas gegen deine moralischen Spielregeln (Konventionen) verstösst, ist Ansichtssache, aber kein Naturgesetz.

Schau nicht so verdriesslich. Kein Grund, missmutig zu sein. Enttäuscht? Dann justiere Deinen Wertekompass neu. Offenbar passen Erwartungen und Wahrnehmung nicht zusammen. Wahrnehmung ändert sich, speziell in Krisen, wenn die Aufmerksamkeit sich fokussiert, um die Gefahr im Auge behalten zu können.

Das stellt lieb gewonnene Spielregeln in Frage. Die persönliche Wertehierarchie, justiert an Vorstellungen Gleichgesinnter schafft Würde und damit auch Erwartungen. Und diese werden früher oder später von der sich ständig wandelnden Wahrnehmung der Realität heimgesucht. Gestern noch richtig, heute schon falsch. Das ist ja unerhört!


Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay

https://de.wikipedia.org/wiki/Würde

https://www.dwds.de/wb/Würde